08. Dezember 2020 | Thorsten Greiten

DAX-Aufstockung: Strengere Regeln und vertane Chancen

Der Deutsche Aktienleitindex bekommt Zuwachs! Künftig gehören dem DAX 40 statt der bisherigen 30 Unternehmen an. Im Zuge dessen werden einige Regeln verschärft – die Konsequenz aus dem Wirecard-Skandal? Was bedeutet das außerdem für die Finanzkommunikation?

Es ist die umfassendste Reform der Börsen-Indizes seit der DAX-Einführung 1988. Deutschlands wichtigster Index wird ab September 2021 von 30 auf 40 Unternehmen aufgestockt. Dadurch soll die Qualität des DAX erhöht und an internationale Standards angepasst werden. Im Gegenzug schrumpft der Nebenwerteindex MDAX von 60 auf 50 Konzerne, womit er rund ein Drittel seines Börsenwertes verliert. Der Kleinwerteindex SDAX hingegen bleibt unverändert.

 

Am Puls der Zeit? Keine ESG-Kritierien bei neuen Regeln

Der DAX sollte ein repräsentatives Abbild der deutschen Wirtschaft sein. Die Zeiten haben sich jedoch geändert, auch die Ansprüche der Investoren. Daher war eine Erweiterung überfällig, auch mehr Diversifizierung tut ganz gut.

Allerdings sucht man verbindliche ESG-Kriterien in den neuen Regeln leider vergebens – hier wurde eine Chance verpasst, denn viele Anleger legen längst großen Wert auf Themen rund um Umwelt, Soziales und verantwortungsvolle Unternehmensführung.

 

Verschärfte Regeln

Im Zuge der Aufstockung werden sowohl für eine Aufnahme als auch einen Verbleib im DAX striktere Regeln aufgestellt. Demnach müssen Unternehmen in den zwei Jahren vor dem DAX-Aufstieg einen operativen Gewinn (EBITDA) ausgewiesen haben. Hier sind die Unternehmen gefordert, ihre Kennzahlen für die Zielgruppen transparenter zu gestalten, Mehrjahresvergleiche anzuführen und dem mobilen Anleger im Idealfall mit kurzweiligen Smartart-Grafiken einen besseren Überblick über das Unternehmen zu verschaffen.

Wären diese verschärften Regeln bereits früher eingeführt worden, hätte Delivery Hero den Sprung in den DAX nicht geschafft, denn die Berliner Bestellplattform schreibt nach wie vor operative Verluste. Delivery Hero ist ein gutes Beispiel, dass der DAX-Aufstieg auch Hausaufgaben braucht: Eine IR [g|1]-Seite, die derzeit den Ansprüchen eines DAX-Konzerns noch nicht genügt, wichtige Informationen in PDF-Gräbern versteckt und noch dazu ein wenig gelungenes Design, das aussieht wie ein Pizza-Flyer.

 

Aus Fehlern lernen

Ab März 2021 werden DAX-Auswahlindizes verpflichtet, Geschäftsberichte und vierteljährlich Quartalsmitteilungen zu veröffentlichen. Passiert dies nicht, ist ein „Fast Exit“ möglich. Nach einer 30-tägigen Warnfrist führt ein Verstoß unmittelbar zum Indexausschluss. Mit diesen Regeln zieht die Deutsche Börse ihre Lehren aus dem Wirecard-Skandal.

Wirecards IR [g|1]-Website war damals, ähnlich wie bei Delivery Hero, mehr Pflicht als Kür. Keine Angaben zur Investment-Story oder dem Geschäftsmodell, keine Social-Media-Aktivitäten, schlechte technische Infrastruktur – schlichtweg misslungen. Auch hier heißt es für die Neulinge: Hausaufgaben machen, die IT-Infrastruktur in den Griff bekommen und das Social-Media-Monitoring intensivieren.

Wie hoch wird die Dividende? Anhand dieser drei Kernelemente entscheiden heute die meisten Anleger, ob sich ein Investment für sie lohnt.

 

Der Kern der Investment-Story setzt sich aus vier Fragen zusammen, die jedes Unternehmen auf der IR [g|1]-Website beantworten muss:

  • Wie sieht mein Wertschöpfungsmodell aus?
  • Welchen gesellschaftlichen, sozialen und ökologischen Zweck erfüllt mein Unternehmen?
  • Welche Anstrengung betreibe ich, um die digitale Transformation voranzutreiben?

Und schließlich:

  • Aus welchen strategischen Aktivitäten sichere ich meinen Investoren auch in Zukunft eine lukrative Dividende zu?

In Sachen Berichtswesen kann man den Unternehmen nur raten, das Wichtigste auf eigenen Reporting-Microsites transparent hervorzuheben und nichts in PDF-Dateien zu verstecken. Auch der mobile Anleger möchte abgeholt werden und das funktioniert nur mit einer entsprechenden Usability [g|1].

 

Künftig entscheidet die Mindestliquidität, nicht der Börsenumsatz

Ab September 2021 soll zudem eine Regel eingeführt werden, die international bereits Standard ist: Demnach wird für die Indexmitglieder nur noch die Marktkapitalisierung der frei gehandelten Aktien entscheidend sein. Das ausschlaggebende Kriterium wird künftig also der Börsenwert, nicht der Börsenumsatz, sein.

Investoren wird hier vor allem interessieren, wie viele der frei gehandelten Aktien verfügbar sind. Unternehmen müssen in diesem Fall transparent agieren. Die Darstellung der Aktionärsstruktur samt „Free Float“ gewinnt an Bedeutung.

 

Konkurrenz belebt das Geschäft – mehr Vergleichs- & Orientierungsmöglichkeiten

Der DAX40 wird breiter aufgestellt, die bisherigen Unternehmen nehmen einen kleineren Anteil am Gesamtvolumen des Index ein. Für die IR [g|1]-Kommunikation bedeutet die Aufstockung einerseits mehr „Wasser in den Wein“ der eigenen Gewichtung und evtl. direkte Konkurrenz in der Gunst der Fondsanbieter. Andererseits bieten sich neue Vergleichsmöglichkeiten. Was kann mein Unternehmen davon lernen? Das plötzliche Scheinwerferlicht wird sicher viele IR [g|1]-Abteilungen vor die Herausforderung stellen, ihre Roadshow-Präsentationen, Social-Media-Kanäle und IR [g|1]-Websites der neuen Informationsnachfrage innovativ anzupassen. Wir sind gespannt auf neue Impulse.

Bei allen, die es diesmal nicht auf die neue DAX-Liste geschafft haben, verschieben sich dadurch logischerweise ebenfalls die Relationen. Der DAX gewinnt damit an Bedeutung, der MDAX verliert an selbiger, weswegen sich Kritik an der Aufstockung bei namhaften MDAX-Unternehmen wie Evonik oder der Commerzbank regt.

Nach aktuellem Stand würden Airbus, Symrise, Zalando, Sartorius, Qiagen, LEG Immobilien, Brenntag, Siemens Healthineers, Hannover Rück und Hello Fresh neu in den DAX aufgenommen.

 

Good Practice: Symrise als „attraktives Investment”

Es gibt durchaus gute Ansätze. Einer der potenziellen Kandidaten, Symrise, erläutert den Anlegern detailliert, warum es sich lohnt, in ihr Unternehmen zu investieren. Die Investoren-Website des Konzerns ist ein gutes Beispiel für Scrollytelling, eine multimediale Variante, Geschichten mithilfe von Text, Audio, Video, Grafiken etc. zu erzählen – und zwar alles auf einer Website, die nicht durch externe Links verlassen werden muss. Sie liefert dem Anleger alle nötigen Informationen rund um das Investment. Symrise erhielt zudem jüngst eine Auszeichnung der DQS für sein Nachhaltigkeits-Engagement – auch das hilft, um Investoren zu überzeugen.

 

Symrise stellt dar, warum das Unternehmen ein „attraktives Investment” ist.

 

Die neuen potenziellen DAX-Mitglieder, die bisher ihren Purpose nicht kommunizieren, sollten schnellstens ihren Mehrwert für Kunden und Anleger herausstellen und prominent auf ihrer Website platzieren. Warum sollte ein Anleger in ihre Firma und nicht eine beliebige andere investieren? Außerdem sollte die Digitalisierungsstrategie in die Kommunikation einfließen, ebenso wie ein Konzept zum nachhaltigen Wirtschaften. Denn nur so vermittelt das Unternehmen den Anlegern ein zukunftssicheres Investment und liefert entsprechende Gründe dafür.

 

IR [g|1]-Website DAX-würdig gestalten

Die künftigen neuen DAX-Mitglieder sollten aus den Fehlern der Konkurrenz, wie etwa Wirecard, lernen. Idealerweise ist die IR [g|1]-Website dieser Unternehmen bereits jetzt eines DAX-Konzerns würdig. Dies sollte in jedem Fall bereits vor der Aufnahme in den DAX geschehen. Die folgenden drei Unternehmen dienen als gute Beispiele:

  • Henkel setzt auf Transparenz: Quartalsberichte, Jahreshauptversammlungen, Dividenden und vieles mehr sind übersichtlich auf der Website aufbereitet.
  • BASF als Sustainable Responsible Investment: Bei allen Geschäftsaktivitäten wird auf Ökonomie, Ökologie und soziale Verantwortung Wert gelegt.
  • RWE: „Our energy for a sustainable life”. RWE legte anfangs keinerlei Wert auf erneuerbare Energien – inzwischen ist der komplette Turnaround hin zur Ausrichtung auf nachhaltige Stromerzeugung gelungen.

 

Good Practices IR [g|1]-Kommunikation

Henkel setzt im IR-Bereich auf Transparenz. Hier finden Investoren alle wichtigen Zahlen und Informationen.BASF macht deutlich, warum sich ein Investment in den Konzern lohnt. RWE widmet sich auch im IR-Bereich den Themen Verantwortung und Nachhaltigkeit.

 

Sie haben weitere Anregungen für eine zeitgemäße IR [g|1]-Kommunikation? Wir freuen uns über Ihr Feedback via LinkedIn! Falls Sie Unterstützung für Ihre Berichterstattung brauchen oder Sie sich Beratung für Ihre Finanzkommunikation wünschen, melden Sie sich gern via E-Mail, Kontaktformular oder telefonisch unter 02236/3936-6

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