10. Dezember 2020 | Thorsten Greiten

Neuer IR-Standard ESG: Ready for Sustainable Investing?

Wie reagieren die DAX30-Konzerne auf den Nachhaltigkeitsboom und was versprechen sie ihren Anlegern zum Thema CSR/IR? Wie gut setzen sie das Thema in der Praxis um? Hier die Ergebnisse unserer Analyse, die wir gemeinsam mit den Experten von sustainable natives erhoben und ausgewertet haben.

Was haben Greta Thunberg, Klaus Schwab und Papst Franziskus gemeinsam? Richtig. Sie alle gelten als Ikonen in ihrer Community – und fordern ein Umdenken der Kapitalmärkte zum Wohle der Menschheit.

Schon das letzte Weltwirtschaftsforum in Davos stand ganz unter den Eindrücken der Klimaschutzdebatte – angetrieben von Greta Thunberg 2019 und schließlich durch ein Machtwort von Larry Fink. Der CEO des weltgrößten Vermögensverwalters BlackRock fordert von Unternehmen, vor allem beim Klimaschutz nachvollziehbare Ziele zu verfolgen, um ihrer gesellschaftlichen Verantwortung endlich mit aller Konsequenz gerecht zu werden.

Befeuert wurden diese Debatte zuletzt durch die Auswirkungen der Corona-Krise. Denn in der Covid19-Zeit zeigten sich nachhaltige Fonds eher krisenfest und Unternehmen mit nachhaltigen Geschäftsstrategien blieben trotz starker Wogen im Fahrwasser.

Und siehe da: Das weltweite Anlageuniversum hat mittlerweile einen interessanten Wendepunkt erreicht. In der Vergangenheit war die Bilanzkennzahlen-Performance für die meisten Anleger von entscheidender Bedeutung. In Zukunft wird jedoch erwartet, dass auch ESG-Kriterien (Umwelt, Soziales und Governance) ein integraler Teil der Anlagestrategie werden.

 

In den nächsten 10 Jahren werden voraussichtlich 95 % aller Vermögenswerte ESG-Faktoren enthalten. 2030 scheint zwar noch weit entfernt zu sein, es ist jedoch klar, dass sich im Investitionsbereich bereits jetzt Veränderungen vollziehen.

 

So ist der Anteil der ESG-Vermögenswerte weltweit bereits deutlich gestiegen:

 

Die Investoren-Kommunikation zum Thema ESG der deutschen Konzerne ist dysfunktional

Wie reagieren die DAX30-Konzerne und was versprechen sie ihren Anlegern zum Thema CSR [g|1]/IR [g|1]? Wie gut setzen sie das Thema in der Praxis um? Wir haben uns zusammen mit den Beratern von sustainable natives zum einen die IR [g|1]-Websites aller DAX30-Unternehmen untersucht und zum anderen die aktuellen Roadshow-, Analysten oder Quartalsberichtspräsentationen unter die Lupe genommen. Weitere Kernfragen sind: Wie sind die Websites und digitalen Kanäle für Investoren aufgebaut? Und wie werden den Anlegern in den Roadshows die Nachhaltigkeitsstrategie und daraus folgend die Nachhaltigkeitsambitionen und -erfolge kommuniziert?

 

Das Ergebnis ist ernüchternd!

Auf der einen Seite kommunizieren die Konzerne auf den IR [g|1]-Websites und digitalen Kanälen so, wie sie sich selber verstehen. Corporate Websites sind wie ein Organigramm des Konzerns aufgebaut. Die Nachhaltigkeitsthemen finden sich oftmals in einem eigenen Bereich wieder und werden dort mannigfaltig ausgebreitet. Auf der anderen Seite müssen Investoren aber in die Tiefe der Roadshow-Präsentationen eintauchen, um Antworten zu Dividende und Langfristigkeit zu bekommen. Und hier bleiben die Unernehmen vieles schuldig, denn auch an dieser Stelle finden sich die thematischen ESG-Erläuterungen nur mikroskopisch klein wieder.

Bei den meisten Unternehmen werden weder auf den IR [g|1]-Websites noch in den Roadshow-Unterlagen ESG-Modell und Investment-Story zusammengebracht und für den Investor sinnvoll aufbereitet. Unser Fazit: Nur ein Bruchteil der größten deutschen Konzerne hat sich bisher mit dem Thema Nachhaltigkeit in der Finanzkommunikation strategisch auseinandergesetzt. Lichtblicke gibt es bei RWE, wo die Investorenpräsentation von A bis Z mit einem Fokus auf ESG durchdekliniert wurde. Schon seit Jahren führend in der digitalen Umsetzung des Themas ist BASF mit einem eigenen Bereich für nachhaltiges Investieren auf den IR [g|1]-Seiten. Für alle anderen bleibt noch viel Luft nach oben.
 

 

 

Im Bereich der digitalen IR [g|1]-Arbeit sind insbesondere folgende Punkte aufgefallen:

  • Nur 43 % der DAX-Unternehmen formulieren Nachhaltigkeit als Teil ihrer Unternehmensstrategie in den IR [g|1]-Unterlagen.
  • 53 % der Unternehmen betonen die Bedeutung von Werten für den wirtschaftlichen Erfolg.
  • Nur rund zwei Drittel der Unternehmen machen Aussagen zu Compliance auf der IR [g|1]-Website.
  • 37 % der untersuchten Unternehmen beschreiben ihre Wertschöpfungskette auf den IR [g|1]-Seiten.
  • 67 % der Unternehmen nennen Gründe für ein Investment in die Aktie.

 

Die inhaltliche Analyse der IR [g|1]-Präsentationen durch sustainable natives zeigt:

  • Keines der untersuchten Unternehmen legt den Anlegern seine Wesentlichkeitsanalyse dar.
  • Kein Unternehmen kommuniziert in den Roadshow-Unterlagen über den Diskurs mit Mitarbeitern und Stakeholdern zu Nachhaltigkeitsthemen und deren Entwicklung.
  • Die soziale Verantwortung wird so gut wie nicht erwähnt. Nur 13 % der DAX-Unternehmen sprechen die Sustainable Development Goals an. Noch weniger die ESG-Kriterien.
  • Nur 10 % geben an, sich multinationalen Aktionen wie etwa „Ambition for 1.5 C“ angeschlossen zu haben.
  • Immerhin: 63 % der Unternehmen kommunizieren über die Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
  • Immerhin 53 % der Unternehmen verweisen auf die Vermarktung nachhaltiger Produkte oder Dienstleistungen.

 

Was kann die Finanzkommunikation tun?

  1. Geschäftsmodell hinterfragen: Investoren wollen wissen, wo ihre Dividende herkommt, wie die Wertschöpfungskette aussieht und wie zukunftsfähig das Unternehmen aufgestellt ist. Denn ESG-Kennzahlen werden von Finanzanalysten in der Risikobewertung mitberücksichtigt. Wer diese Informationen liefert und den Daseinszweck des Unternehmens klar benennt, ist dem Wettbewerb deutlich voraus.
  2. Gründe für ein Investment: Why ESG? Die Entwicklung einer nachhaltigen Equity Story darf nicht in „Greenwashing“ ausarten. Interessenten, private wie institutionelle Investoren oder auch die dahinterstehenden Modelle wie ETFs oder klassische Fonds erwarten hier eine sehr eindeutige Antwort. Diese muss transparent, langfristig und unmissverständlich sein, sonst drohen Sanktionen.
  3. Interne Kirchtürme abreißen, Silos beseitigen: Der digitale Investor hat nur wenig Zeit und interessiert sich nicht für das Organigramm des Unternehmens. Es ist Aufgabe der Investor-Relations-Abteilung, die Frage nach einem nachhaltigen Investment zu erklären und dafür zu sorgen, dass diese Information zum User kommt – und nicht umgekehrt.
  4. Daten und Kapitalmarktechniken verstehen: Die Investor Relations haben eine neue Zielgruppe: Maschinen. Maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz (KI) sind keine ferne Zukunftsvision mehr, sondern operative Realität im Alltag. Analysten und Journalisten bestellen sich nicht länger einmal im Jahr den gedruckten Geschäftsbericht, um stichhaltige Informationen zu bekommen. Diese Aufgabe übernehmen Roboter („Crawler“), die Tag und Nacht IR [g|1]-Websites und Social Signals unter die Lupe nehmen, daraus ihre eigenen Schlüsse ziehen und mit einem Algorithmus die Kapitalmärkte bewegen. Hier hat IR [g|1] die Aufgabe, alle Informationen rund um ein nachhaltiges Investment in strukturierten Daten zur Verfügung zu stellen.

 

Alles nur ein Hype?

Nein. Nicht erst, wenn die zukünftigen Investoren der Millennials und Gen Z ihr Geld anlegen möchten, sondern schon heute (s.o.) wird das Kapital mit hoher Wahrscheinlichkeit in bestehende Portfolios mit integrierten ESG-Faktoren fließen. Gleichzeitig verschiebt sich die Form der Kommunikation: Diese Kohorten kommunizieren ausschließlich digital, meistens mobil.

Nur 20 % der Unternehmen des S&P500 stellten im Jahr 2011 ihren Investoren Nachhaltigkeitsberichte zur Verfügung. Im Jahr 2019 stieg dieser Prozentsatz auf 90 %. Die weltweit größten Vermögensverwalter sind bei ESG-Themen bereits an Bord. Hier besteht also durchaus hoher Druck, dass in den kommenden Jahren 100 % erreicht werden.

 

ESG-Studie: Das DAX30-Ranking

Rang Unternehmen Punkte
1 BASF SE 864
2 Henkel AG 693
3 Vonovia SE 649
4 Daimler AG 626
5 EO.N SE 615
6 RWE AG 592
6 Beiersdorf AG 592
8 Volkswagen AG 569
9 Fresenius SE & Co. KGaA 529
10 Infineon Technologies AG 521
11 Deutsche Post DHL Group 509
12 HeidelbergCement AG 508
13 Covestro AG 495
14 Allianz SE 470
15 Deutsche Bank AG 454
16 Fresenius Medical Care AG & Co. KGaA 448
17 Bayer AG 437
18 SAP SE 400
18 Continental AG 400
20 Merck KGaA 386
21 BMW AG 354
22 adidas AG 342
23 Deutsche Telekom AG 341
24 Deutsche Wohnen AG 334
25 MTU Aero Engines AG 305
26 Deutsche Börse AG 294
27 Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft AG 283
28 Siemens AG 262
29 Delivery Hero SE 210
30 Linde AG 45

 

Haben Sie Fragen zu unserer Studie oder wünschen Sie sich Beratung für Ihre digitale IR [g|1]-Arbeit? In einer kostenlosen 60-minütigen Videokonferenz besprechen wir mit Ihnen die Ergebnisse unserer Erhebung und zeigen Ihnen verschiedene Lösungen, die Ihre digitale Finanzkommunikation fit für die Zukunft machen. Die Teilnehmerzahl ist nicht begrenzt, Sie können gern auch weitere Ihrer Kolleginnen und Kollegen dazu einladen.

Wir freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahme per E-Mail, Kontaktformular oder telefonisch unter +49 (0) 2236 / 3936-777.

 

Über sustainable natives eG

sustainable natives ist eine Experten-Plattform für nachhaltige Transformation. Das Netzwerk vereint Berater und Spezialisten aus unterschiedlichen Fachbereichen, die interdisziplinär zusammenarbeiten. Hauptsitz der Genossenschaft, die vor drei Jahren gegründet wurde, ist Berlin. Mehr zu sustainable natives finden Sie unter www.sustainablenatives.com oder telefonisch unter 0175-2637755.

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