23. Juni 2016 | Edin Rekić

Nur ein technisches Problem?

Warum IT-Abteilungen alleine mit Digitalisierung komplett überfordert sind und was Vorstände tun können.

Vor ein paar Tagen war ich mit meinen NetFed-Kollegen beim Deutschen Preis für Onlinekommunikation in Berlin. Wir waren mit drei Kommunikations-Projekten nominiert, konnten dieses Mal aber leider keinen Preis nach Köln mitnehmen. Viel schöner war es jedoch, das kreative Potential der Branche und die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation zu sehen und zu erleben.

Wenn es um die Themen Digitalisierung und digitale Transformation von Unternehmen geht, sieht die Realität in Deutschland leider etwas anders aus, als die Projekte zeigen, die wir im Berliner Admiralspalast sehen konnten.

Ironischerweise durfte ich auf meinem Rückflug nach Köln in der FAZ einen Artikel über die IT-Schwächen deutscher Banken lesen, der die Realität beschreibt, und sich auch mit meinen Erfahrungen aus Projekten und Gesprächen deckt.

Das Thema Digitalisierung bzw. digitale Transformation ist salonfähig geworden und mittlerweile bei den Vorständen und der Unternehmenskommunikation angekommen. Es gibt kaum noch Unternehmen und Vorstände, die sich zu diesem Thema nicht geäußert und die Wichtigkeit und den Willen zur Veränderung hervorgehoben haben. Leider bleibt es oft nur bei diesen Lippenbekenntnissen.

Alter Wein, alte Schläuche

Blickt man hinter die Kulissen, trifft man auf eine andere Welt. Diese ist oft nicht in der Lage, sich mit den neuen Anforderungen zu messen. Die Gründe dafür sind mannigfaltig und beginnen mit dem größten Fehler: Digitalisierung wird als ein rein technisches Phänomen betrachtet und der IT überlassen (ein ähnliches Phänomen hatten wir Mitte der 90er Jahre, als das Internet noch tatsächlich Neuland war und Web-Administratoren auch die Gestaltung von Webseiten übernommen haben).

Die IT ist jedoch mit dieser neuen Aufgabe komplett überfordert, da sie in den letzten Jahren auf den reinen IT-Betrieb und dem Ausrollen neuer Anwendungen herunterskaliert wurde. Eine strategische Reserve an Kapazitäten ist kaum vorhanden. Darüber hinaus haben Themen der digitalen Transformation große Auswirkungen auf die Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten von Unternehmen. Diese Themen sind nativ nicht der IT zuzuordnen. Gefangen zwischen veralteten, oft proprietären Systemen, fehlenden Kompetenzen und Roll-Out Planungen für die nächsten drei Jahre, wird das Thema durch den Einsatz von ein paar wenigen externen Beratern angegangen. Dies zeigt zwar guten Willen, bringt das Unternehmen jedoch nicht signifikant weiter.

Wesentlich nachhaltiger wäre es, wenn sich zuerst die Vorstände als Team zum Thema "Digitale-Transformation & Innovation" in ein paar Workshops treffen und die strategischen Eckpfeiler diskutieren würden. Eine daraus abgeleitete Bestandsaufnahme, Zielsetzung und Ressourcenplanung könnte den Fokus des gesamten Unternehmens in die richtige Richtung lenken.

Es bleibt spannend zu sehen, wie lange es noch dauert, bis die Vorstände die Digitalisierung tatsächlich zu einem strategischen Unternehmensthema machen und dieses Vorhaben mit den entsprechenden Ressourcen und Kompetenzen ausstatten. Dem FAZ-Artikel nach zu urteilen, geht der neue Vorstand der Deutschen Bank mit gutem Beispiel voran. Wir werden weiterhin beobachten, ob und welche Unternehmen folgen werden.

Als Berater für digitale Unternehmenskommunikation bleiben wir zwischenzeitlich aktiv sind und helfen Unternehmen bei der Digitalisierung der Kommunikation. Vielleicht klappt es damit im nächsten Jahr im Admiralspalast.

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