24. Oktober 2019 | Thorsten Greiten

KI in der Finanzkommunikation: Der Zug rollt!

Das wichtigste zuerst! Die Investor Relations haben eine neue Zielgruppe: Maschinen. Maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz (KI) sind keine ferne Zukunftsvision mehr, sondern operative Realität im Alltag.

Der digitale Schnellzug ist bereits im Rollen begriffen, doch viele Manager haben weder Fahrplan noch Tickets oder stehen im Stau zum Bahnhof. Während die meisten deutschen börsennotierten Konzerne immer noch krampfhaft versuchen, eine Digitalstrategie zu entwerfen, finden sich Kommunikationsbeteiligte und IR [g|1]-Manager bereits tief im digitalen Sumpf von Big Data, Machine Learning und künstlicher Intelligenz (KI) wieder. Die 2020 anstehende Renaissance (des gefühlt uralten) IR [g|1]-/IT-Themas XBRL [g|1] gibt hier einen Vorgeschmack. Die strukturierte Bereitstellung von Daten bzw. deren Analyse und Verarbeitung werden sich zu einer Kernaufgabe des Berufsbildes IR [g|1]-Manager entwickeln.

Viele Technologien haben bereits einen erstaunlichen Reifegrad erreicht. Die nachfolgende Grafik zeigt eindrucksvoll, an welchen Stellen KI bereits jetzt zum Einsatz kommt:

Der Einsatz von künstlicher Intelligenz seitens der Investor Relations sowie der Stakeholder.

 

  • KI revolutioniert die Sprachübersetzung. Die Kölner Firma DeepL liefert bessere Übersetzungen als GoogleTranslate. Die Maschine greift auf gelernte Muster und das Wissen unzähliger Anwender zurück, die Qualität ist erstaunlich.
  • Bestimmte Finanz-Content-Plattformen ziehen sich bereits Sekunden nach Veröffentlichung einer Pressemitteilung bestimmte Kennzahlen (die bisher auch mal gern auf Seite 2 oder 3 genannt wurden) automatisch heraus und veröffentlichen diese dann direkt und in einem völlig neuen Kontext über eigene Kanäle.
  • Newsletter- und Mailbots beantworten direkt Investorenanfragen.
  • Ganz neue Dialogformen wie IR [g|1]-Chatbots erobern den Markt, Beispiel Deutsche Post: Im ersten Schritt wurden die wichtigsten Antworten in der Software, dem Watson-Assistant, hinterlegt. Im zweiten Schritt der Entwicklung wurde die Abfrage der Dokument-Datenbank auf der Website eingebunden. Im dritten Schritt wurde die Google-Suche auf der eigenen Website installiert, sodass „Carrie“ inzwischen auf fast alles eine Antwort weiß. Wenn die Frage dann trotzdem noch nicht beantwortet werden kann, schlägt sie einen Ansprechpartner vor.
  • Auch der CFO wird nicht verschont: In der kommenden PowerPoint-Version übt ein neuer KI-Coach mit dem Anwender Präsentationen vor einer Roadshow. Der Algorithmus wertet Sprechtempo, Wortwahl und das Verhältnis zwischen gesprochenem Wort und Folieninhalt aus, wie Microsoft mitteilt.
  • Gleiches passiert aber auch im Markt beim Empfänger: Analysten setzen Algorithmen ein, um Sprache und Wortwahl zu analysieren. Das Aachener Unternehmen PRECIRE Technologies hat eine Technologie entwickelt, die Sprache auf psychologische Merkmale analysiert. Daraus sind Rückschlüsse auf Eigenschaften der Person möglich – zum Beispiel auf die Verfassung, die Persönlichkeit und die Motivation.
  • CEO-Theaterschauspiel mit Bewegtbildern bei Video-Konferenz, Roadshow oder Hauptversammlung? Einen Schritt weiter gehen die Software-Tools zur Videoanalyse. Künstliche Intelligenz ist inzwischen in der Lage, Videos zu "verstehen" und zu analysieren. Hier werden auch Gestik und Mimik durchleuchtet und entsprechend interpretiert. Microsoft spielt auch hier ganz vorne mit, hier das Beispiel des Video Indexers aus Microsoft Azure.
  • KI dringt auch in die Wohnzimmer vor. Sprachassistenten von nahezu jedem größeren Anbieter (Amazons Alexa, Google Assistant, Apples Siri etc.) werden automatisch ausgesteuert und beeinflussen das Nutzerverhalten der Privatinvestoren. Mit dieser KI-Technik kann der Computer Informationen aus winzigen Tonfragmenten gewinnen, die nicht länger als ein Vierzigstel einer Sekunde dauern.

 

Was kann IR [g|1] also tun?

Neben aller Begeisterung für neue Technologien entstehen viele Fragen. Eigene Prozesse und offizielle Rechtsprechung werden wie so oft mit dem Tempo des Fortschritts nicht mithalten können:

  • Ist es bereits der Verrat von Insiderwissen, wenn das Geschäftsberichtsoriginal sechs Wochen vor Livegang auf einer fremden Website übersetzt wird und die Übersetzung in einer Datenbank landet?
  • Viele Plattform werden immer restriktiver. Wie kann man sicherstellen, dass das Monitoring auch hinter Bezahlschranken wirkt?
  • Wer haftet für maschinelle Fehlinterpretationen, wenn sogar Videos manipuliert und zurück ins Netz gestellt werden können? 

Im Vordergrund stehen zunächst das Verstehen und Beherrschen sämtlicher Schnittstellen (API [g|1], s. Abbildung), über die der eigene Content und Daten in die digitale Welt gelangen. KI funktioniert nicht ohne große Datenmengen. Algorithmen werten Daten aus, bringen diese in einen neuen Zusammenhang und treffen danach gegebenenfalls eigenmächtige Entscheidungen.

 

Woher kommen diese Datenmengen in der Investorenkommunikation?

Die meisten Daten werden aus dem offenen Internet gewonnen. Social Media entwickeln sich in einer neuen digitalen Umwelt mehr und mehr zum lebenswichtigen Nährstoffbaustein für Produktentwicklung, (Content-)Marketing und Kommunikation. Sie werden quasi zum “Superfood” der künstlichen Intelligenz. Was würde KI ohne Social-Media-Proteine machen? Der Stoffwechsel der Daten wäre extrem aufwendig und langsam, wenn jeder Datenträger einzeln angezapft werden müsste. Neue disruptive Player wie z.B. Social-Trading-Plattformen oder Robo Advisor würden nicht funktionieren.

Intelligenz bedeutet selbständige Wissenserweiterung durch Daten, Vernetzung und Algorithmen. Social Media bilden das Dreigestirn der Digitalisierung bereits ab: Nutzerverhalten, Inhalte und Netzwerk. Die “Kommunikationskalorien” aus den Plattformen sind jetzt schon unverzichtbar für jeden (Akien-)Marketing-Profi. Diese müssen in Zukunft allerdings mehr Verständnis für eine bisher unterschätzte, unsichtbare Zielgruppe entwickeln: Maschinen! Die Botschaft muss irgendwie beim User ankommen – nicht umgekehrt.

Wenn Sie immer noch den Wunsch verspüren, E-Mails auszudrucken, Pressemitteilungen ins DIN-A4-Format setzen und die Druckkosten Ihres Geschäftsberichts kalkulieren, könnten das die Rücklichter des Digitalisierungs-Zuges sein, der gerade am Horizont verschwindet.

 

Sind Sie auf der Suche nach Beratung für Ihre IR [g|1]-Kommunikation, auch in Zusammenhang mit neuen Technologien? Dann sprechen Sie uns jederzeit per E-Mail, Kontaktformular oder telefonisch unter +49(0)2236/3936-6 an, wir beraten Sie gern.

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